Traumaspuren in Beziehungen
Warum wir ständig die gleichen Beziehungsmuster wiederholen
Vielleicht kennst du das: Neue Beziehung, neue Hoffnung – und trotzdem wieder dieselben Konflikte. Am Anfang scheint alles so perfekt zu passen. Doch mit der Zeit tauchen wieder die bekannten Muster auf.
Warum ist das so? Warum geraten wir immer wieder an ähnliche Partner? Weshalb fällt es manchen Menschen zum Beispiel schwer, Nähe zuzulassen, während andere große Angst davor haben, verlassen zu werden? Die Antworten auf diese Fragen liegen häufig viel tiefer, als uns bewusst ist – nämlich in unseren frühen Bindungserfahrungen.
Wie Bindungsmuster entstehen
Unsere ersten Beziehungen prägen unser Bild von Kontakt maßgeblich. Einerseits übernehmen wir die Beziehungsmuster, die uns unsere Eltern und nahen Bezugspersonen vorleben. Wir schauen sie uns ab, ohne sie weiter zu hinterfragen. Andererseits machen wir im Kontakt mit unseren Eltern, Geschwistern und anderen für uns wichtigen Menschen unsere eigenen Erfahrungen. So entwickeln wir ein inneres Bild von uns selbst und davon, wie Beziehungen „funktionieren“.
Erlebt ein Kind seine Eltern als verlässlich, emotional verfügbar, zugewandt und liebevoll, entsteht ein Gefühl von Sicherheit. Sind wir sicher gebunden aufgewachsen, fühlen wir uns willkommen, gesehen und so geliebt, wie wir sind.
Machen wir als Kind aber immer wieder die Erfahrung, dass die Eltern überfordert, gestresst, abweisend oder unberechenbar sind, können wir dieses grundsätzliche Gefühl von Sicherheit nicht entwickeln. Im Zusammensein mit anderen fühlen wir uns nicht sicher und entspannt. Dieser Mangel an Geborgenheit und Zugewandtheit wirkt sich außerdem negativ auf unser Selbstbild aus. Denn wir beziehen das Verhalten unserer Eltern eins zu eins auf uns und schließen daraus, nicht gewollt, nicht gut genug oder nicht liebenswert zu sein. Diese Erlebnisse können auch ein Bindungstrauma zur Folge haben.
Kinder tun alles, um sich anzupassen
Als Kinder haben wir keine Wahl. Wir sind auf unsere Eltern angewiesen. Unser Überleben hängt von ihnen ab. Deshalb setzen wir alles daran, die Bindungsbeziehung zu ihnen aufrechtzuerhalten. Wir unterdrücken unsere eigenen Bedürfnisse und Impulse, passen uns an die gegebenen Verhältnisse an und entwickeln eine Vielfalt von Bewältigungsstrategien, die dafür sorgen sollen, dass uns unsere Eltern weiterhin gewogen sind.
Häufige Verhaltensmuster sind zum Beispiel:
- Überanpassung: Wir stellen unsere eigenen Bedürfnisse zurück oder blenden sie sogar völlig aus. In Beziehungen neigen wir dazu, uns selbst zu verlieren.
- People Pleasing: Um gemocht, akzeptiert und nicht ausgeschlossen zu werden, versuchen wir, Konflikte zu vermeiden, alles „richtig“ und es allen recht zu machen.
- Geheime Verträge: Wir opfern uns für andere auf und machen uns unentbehrlich. Dafür erwarten wir insgeheim Anerkennung und Liebe als Gegenleistung.
- Übermäßige Kontrolle: Wir entwickeln ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Das schenkt uns das Gefühl von Sicherheit.
- Rückzug: Aus Angst vor Ablehnung vermeiden wir Kontakt und ziehen uns zurück, sobald es uns zu nah wird.
- Machtkämpfe: Um unser Gefühl von Wertlosigkeit zu verbergen, ist die Beziehung von dem Versuch geprägt, den Partner oder die Partnerin zu dominieren oder zu manipulieren.
- Liebe für Leistung: Wir versuchen, uns Liebe durch Leistung zu verdienen, und setzen uns dabei enorm unter Druck.
Die Wirkung früher Bindungserfahrungen auf unsere Partnerschaften
Diese Bindungsmuster begleiten uns noch als Erwachsene. Wir bringen sie in jede neue Beziehung ein und übertragen sie automatisch auf unser Gegenüber. Dabei fühlen wir uns bei der Wahl eines neuen Partners oder einer neuen Partnerin von bestimmten Dynamiken besonders angezogen und springen unbewusst darauf an – einfach, weil sie uns vertraut sind. Deshalb geraten wir ungewollt in ähnliche Beziehungen und wiederholen bestimmte Erfahrungen immer wieder.
Dazu ein Beispiel: Vielleicht haben sich deine Eltern getrennt, als du noch klein warst, und dein Vater hat sich kaum um dich gekümmert. Heute wählst du unbewusst immer wieder Partner, an die du nicht wirklich herankommst und die emotional nicht für dich da sind. Umgekehrt tust du alles dafür, um die Aufmerksamkeit deines Partners zu gewinnen. Was als Kind eine sinnvolle Strategie war, führt heute jedoch oft zu Problemen und Schmerz.
Hinweise darauf, dass alte Muster in dir wirken, können zum Beispiel sein:
- allgemeine Angespanntheit im Kontakt mit dem Partner oder der Partnerin
- ständiges Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit
- Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen
- Eifersucht oder große Unsicherheit in Beziehungen
- das Gefühl, „zu viel“ oder „nicht liebenswert“ zu sein
- Angst vor Nähe, Verlassenwerden oder Zurückweisung
- emotionale Abhängigkeit
- Gefühle von Einsamkeit, Schuld, Scham und Ohnmacht
- Rückzug bei Konflikten
Wie wir alte Beziehungsmuster lösen können
Auch wenn du vielleicht denkst: „Jetzt stecke ich schon wieder in einer ähnlichen Beziehung drin.“ Genau hier verbirgt sich sehr viel Entwicklungspotenzial. Denn deine Beziehung konfrontiert dich wieder mit ähnlichen Situationen, wie du sie in deiner Kindheit erlebt hast. Situationen, die für dich als Kind sehr schmerzlich oder sogar traumatisch waren. Jetzt hast du die Chance, diese Situationen noch mal anzuschauen und aufzuarbeiten.
Alte Bindungsmuster zu erkennen, ist häufig der erste Schritt zu Veränderung. Wir können uns zum Beispiel fragen:
- Warum reagiere ich so heftig?
- Wovor schützt mich dieses Verhalten?
- Welche Überzeugungen stecken dahinter?
- Was hat mir als Kind gefehlt?
Sobald wir verstehen, dass vielen Reaktionen frühe Schutzstrategien zugrunde liegen, wächst mehr Mitgefühl mit uns selbst.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist, wieder besseren Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu entwickeln, von denen wir uns als Kinder abgeschnitten haben. Heute als Erwachsene können wir auch die kindliche Angst, die Bindungsbeziehung zu unseren Eltern zu verlieren, in uns halten. Denn wir sind nicht mehr von ihnen abhängig.
Diese Entwicklung ist ein Wendepunkt und eröffnet uns völlig neue Handlungsspielräume. Denn unseren kindlichen Überlebensstrategien fehlt jetzt der Boden, und sie können sich einfach auflösen. Statt uns wie bisher automatisch etwa anzustrengen, anzupassen oder zurückzuziehen, können wir uns jetzt bewusst und frei entscheiden, wie wir Nähe und Intimität leben möchten.
Kostenloses Erstgespräch
Möchtest du deine Beziehungsmuster besser verstehen? Wenn du dir Unterstützung wünschst, bist du herzlich eingeladen, ein kostenloses und unverbindliches Erstgespräch (15 Minuten) zu vereinbaren. Gemeinsam schauen wir, was dich aktuell belastet und wie ich dich therapeutisch begleiten kann.


